Wir machen gerade die schwierige Ich Phase durch, mit Bock und Schrei Anfällen, Eigenständigkeit und allem drum und dran. Dazu hier ein paar Gedanken.
Eltern von heute preisen ‚Oje, ich wachse!‘. Sie sagen die einzelnen ‚Sprünge‘ unserer Kinder mit einer solchen Präzision voraus und die damit verbundenen Veränderungen, dass man erstaunt ist und sich alleine fühlt, wenn das Buch endet. Ich war der Verzweiflung nahe, als mein Sohn wieder schwierig wurde, ich wusste, das ist ein Sprung, aber was erwartet mich und wie lange dauert es dieses Mal?

Die meisten Eltern kennen das im Alltag mit ihren Kindern und bemerken Zeiten in der ihr Kleinkind schwierig wird. Die Ich-Phase beginnt zwischen zwei und drei Jahren, der kleine Schatz merkt, dass er ein Individuum ist und Mama, Papa und der Rest der Welt eigene Individuen. Es merkt, dass es Einfluss auf seine Umgebung hat. Wenn ich schreie kommen meine Eltern angerannt, wenn ich weine, werde ich getröstet, wenn ich lieb um etwas bitte, stehen die Chancen gut, dass ich es bekomme.
Es gibt Menschen, die dieses Verhalten fehl deuten und die Meinung vertreten, die Kinder würden gerade in dieser Phase versuchen Erwachsene zu manipulieren. Zu diesem Thema gibt es genügend Studien, die das Gegenteil beweisen. Ich persönlich stelle mir auch oft die Frage, ob sich diese Menschen/Eltern nicht selber manipulieren mit diesem Denken. Wenn ich jemanden mit der Einstellung begegne, dass er mich manipulieren will oder mir schaden, dann habe ich von vornherein eine negative innere Haltung. Es ist vorprogrammiert, dass diese Begegnung für mindestens eine Seite unangenehm wird.
Aber wie gehen Eltern mit dieser Phase besser um? Ganz unterschiedlich. Es gibt auch in dieser Punkt kein richtig oder falsch, mit Ausnahme von anschreien oder sonstiger körperlicher oder verbaler Gewalt. Einen Menschen und gerade ein Kind zu schlagen ist nie richtig! Wie gesagt bringt es einen auch nicht weiter seinem Kind zu unterstellen einen manipulieren zu wollen. Ich selbst habe auch schon den Fehler gemacht, meine Kinder anzumeckern in Momenten, in denen sie mich gebraucht haben und kann daher sagen: das ist für Kinder, aber auch für Eltern der falsche Weg. Die Kinder fühlen sich einsam und zuweilen ungeliebt, fallen vielleicht sogar in die „erlernte Hilflosigkeit“ – kein erstrebenswertes Los. Und die Eltern? Spätestens wenn die Wut, die Verzweiflung oder was auch immer verraucht ist kommt das schlechte Gewissen und das oft mit Wucht.
Ich weiß, viele können es nicht mehr hören, aber hier hilft nur Achtsamkeit. Ich habe festgestellt, dass ich mit schwierigen Situationen besser klar komme seit dem ich mit mir selbst achtsamer umgehe. Wenn mein Jüngster dann schreit und quengelt, schaue ich auf meine innere Reaktion auf sein Verhalten. Wenn ich dann merke, dass meine Gefühlswelt aus den Bahnen gerät oder ich schlicht und einfach genervt bin, gehe ich kurz in ein anderes Zimmer oder falls das gerade nicht möglich ist, weil wir gerade z.B. auf dem Spielplatz sind, schließe ich meine Augen. Ich weiß, wie sich das nächste anhört und ich gebe den Skeptikern und Gegnern recht: das zu trainieren war auch für mich nicht einfach, aber es hat sich gelohnt nicht nur für meine Familie. Also wenn ich nun ‚die Situation verlassen habe‘ atme ich sehr tief durch und sage mir etwas freundliches wie ‚Du machst das gut‘ ‚Der Tag ist schön‘ oder ich nutze dieses oft benutze von Zehn runter zählen, es gibt auch Momente, in denen mir das hilft. Wer geübt darin ist, kann nach einem so kurzen Satz die Augen wieder öffnen oder das Zimmer wieder betreten und begegnet dem kleinen Rabauken wieder mit der nötigen Ruhe und Liebe. Man sollte sich allerdings nicht davon abschrecken lassen, wenn man einige Minuten benötigt um wieder gelassen zu werden und seinem Kind freundlich zu begegnen – klar auf dem Spielplatz schwierig, aber dort gibt es zur Not noch die Ablenktaktik, die auch wunderbar funktioniert.

Es gibt bestimmt noch viele Taktiken um mit solchen Situationen umzugehen und ich würde mich sehr darüber freuen andere Erfahrungen zu lesen und vielleicht auf diesem Blog zu teilen. Wichtig ist mir noch anzumerken: selbst Mozart kam nicht auf die Welt und konnte Noten lesen und Buddha hatte als Baby auch nicht die Weisheit, die er als Mann besaß. Also nicht aufgeben, weil es beim ersten oder zweiten Mal nicht klappt. Dran bleiben und an sich selbst glauben. Sollten freundliche Sätze nicht funktionieren und das Zählen einen eher noch weiter auf die Palme bringen, kann man es auch mit anderen Sätzen versuchen.
Ein Vater, den ich Mal auf dem Spielplatz für seine Ruhe bewundert habe, meinte, er sage sich selbst immer wieder, er sei verantwortlich. Er meinte damit nicht, dass er die Schuld daran trägt, dass seine Tochter gerade schreit und anderen Kindern das Spielzeug um die Ohren warf. Er war für seine Reaktion und seine Emotionen verantwortlich und solange er die Verantwortung für beides übernimmt auch in dieser Situation, kann er ruhig bleiben. Mit diesem Satz habe ich persönlich es nicht geschafft diese Situationen zu meistern, aber bestimmt gibt es noch andere Eltern denen dieser oder andere Sätze helfen.

Auf jeden Fall ist jeder Sprung in der Entwicklung auch etwas wundervolles und es macht viel Spaß sein Kind bei seinen Erkundungen zu begleiten. In der Ich-Phase gibt es auch für Eltern viel zu entdecken. Ich war beispielsweise sehr erstaunt als ich mit meinen Söhnen am Wochenende auf den Spielplatz wollte und während ich noch dabei war Getränke, Snacks und Spielzeug einzupacken, kam mein Kleiner freudestrahlend auf mich zu getapst und rief „Mama Schuhe an!“. Tatsächlich hatte er seine Schuhe ganz alleine angezogen. Stolz wie Bolle erzählte er das auch jedem auf dem Spielplatz. Jeder Tag mit Kindern ist unheimlich spannend, es gibt für alle Seiten oft etwas neues, nicht immer ist alles erfreulich, aber auch das gehört zum Leben dazu. Also immer schön am Ball bleiben.👍

